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Die Diakonie sollte mit dem Staat zusammenarbeiten

Klaus-Dieter Kottnik

Klaus-Dieter Kottnik

Ein Gespräch mit Pf. Klaus-Dieter Kottnik, Präsident a.D. des deutschen Diakonischen Werks, gegenwärtig Berater der Polnischen Diakonie

Das Interview führte Michał Karski

 

Michał Karski: Als Berater der Polnischen Diakonie besuchten Sie dreißig diakonische Einrichtungen in Polen. Welchen Eindruck haben Sie gewonnen?

Klaus-Dieter Kottnik: Ich habe viele interessante Erfahrungen mit der Diakonie in den polnischen Kirchengemeinden sammeln können. Dies ist der grundlegende Unterschied zwischen der diakonischen Arbeit in Polen und in Deutschland. Er liegt darin, dass in Polen diese Arbeit von den Kirchengemeinden geleistet wird, während sie in Deutschland hauptsächlich von diakonischen Einrichtungen vorgenommen wird, die zur Kirche gehören, aber auch von ihr unabhängig sind. In Deutschland wird die diakonische Arbeit vor allem vom Staat finanziert. In Polen wird nur ein Teil der diakonischen Arbeit in den Kirchengemeinden wie Tagesstätten von den bürgerlichen Gemeinden bezahlt. In Deutschland haben wir eine lange Erfahrung mit der Zusammenarbeit mit dem Staat. In Polen beginnt diese Zusammenarbeit mit dem demokratischen Staat. An vielen Orten läuft es gut, an anderen ist diese Zusammenarbeit mit den Behörden der Kommunen oder des Staates im Aufbau. Wir haben schon Workshops für Pfarrer, Vertreter der Kirchengemeinden der Selbstverwaltung und der Regierung organisiert, um die diakonische Arbeit in einigen Pfarreien weiter zu entwickeln.

Ich habe in Polen viele Pfarrer getroffen, die an der Entwicklung der diakonischen Arbeit interessiert sind. Sie zeigen die lutherische Kirche als eine Kirche, die den Menschen hilft. In einigen Orten habe ich bemerkt, dass die Kirchengemeinden durch die diakonische Arbeit wachsen.

Außerdem sind viele Pfarrer und Kirchengemeinden an der Zusammenarbeit mit der deutschen Diakonie interessiert und tauschen ihre in beiden Staaten gemachten diakonischen Arbeitserfahrungen. Wir unterstützen das und wollen das weiter fortentwickeln.

Die deutsche diakonische Arbeit ist weit entwickelter als die polnische. Welche polnischen Erfahrungen könnten den Deutschen Anregungen geben und interessant für sie sein?

Als Beispiel kann ich Ihnen die Arbeit der Streetworker in Südpolen geben. Mit einer Berliner Einrichtung, die sich auch mit Streetworking beschäftigt, haben wir Kontakt aufgenommen. Wir wollen einen Erfahrungsaustausch in diesem Bereich durchführen. Die polnischen Erfahrungen bringen neue Ideen ein, z.B. unterrichten die Streetworker die Jugendlichen auf der Straße in einer mobilen Schule. In Deutschland geben jährlich ca. 80 000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss auf. Von den polnischen Erfahrungen können auch die deutschen Sozialarbeiter lernen.

Ich war Leiter in einer großen deutschen diakonischen Einrichtung, bevor ich Diakoniepräsident wurde und habe langjährige Praxis im Austausch von Erfahrungen mit Kollegen aus östlichen Ländern wie Polen, Russland und Ungarn. Wir haben damals Mitarbeiter ausgetauscht und wir haben gelernt, wie man eine gute diakonische Arbeit macht mit weniger Mitteln als wir es in Deutschland gewöhnt sind. Und man kann viel machen, wenn man kreativ ist. Das können Deutsche von Polen lernen, und das ist wichtig, denn in Zukunft wird es weniger Geld für die soziale Arbeit geben. Ich bin überzeugt: In den nächsten Jahren wird sich das Niveau der Sozialhilfe in Europa angleichen. Ich beeindruckt schon jetzt über das hohe fachliche Niveau in Polen.

Welche sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten und drängendsten Probleme der polnischen diakonischen Arbeit?

Ich denke es sollte noch mehr Zusammenarbeit mit dem Staat geben. Die Kirche tritt auch für die Menschen in einer Gesellschaft und ihre Probleme ein. Der Staat muss den Menschen ein Gefühl der Sicherheit geben. Die Menschen müssen wissen, dass sie ein Anrecht auf staatliche Unterstützung haben, wenn sie sich nicht mehr alleine helfen können.

Vielleicht ist die fehlende Zusammenarbeit auch auf die Erfahrungen in der polnischen Geschichte zurückzuführen. Nach über vierzig Jahren Sozialismus wird alles, was mit ihm in Verbindung gebracht wird, abgelehnt. Meist denkt man, dass die Menschen im Kapitalismus allein zu recht kommen müssen.

Das ist ein amerikanischer Denkansatz, den ich auch in Polen kaum entdeckt habe In Europa machen wir andere Erfahrungen. Eine europäisch geprägte demokratische Gesellschaft erwartet vom Staat, eine gerechte Politik zu machen, die den Benachteiligten hilft. In ganz Europa haben wir ähnliche Probleme. Es gibt immer mehr alte Menschen, die einsam oder arm sind. Wir haben Arbeitslose, ältere und jüngere, schlecht ausgebildete Leute. Wir kämpfen mit den Problemen von Familien, die auseinander fallen. Den Menschen mit Behinderungen muss man das Gefühl geben, dass sie genau so Schwestern und Brüder sind wie Nichtbehinderte, d.h. sie gehören zum gesellschaftlichen Leben dazu. Mit diesen Themen muss sich ganz Europa beschäftigen. Dazu ist der Austausch von Erfahrungen besonders wichtig.

Die Diakonie in Deutschland arbeitet mit dem Staat seit dem 19. Jahrhundert zusammen. Polen hat seine eigenen historischen Erfahrungen. Auch Deutschland hat mit der DDR eine Geschichte, in der die evangelische Kirche vom Staat bekämpft wurde und unsere Freunde aus dem Osten Deutschlands näherten sich zuerst mit Vorsicht der Zusammenarbeit mit dem Staat. Ich denke, dass die Polen stolz darauf sein können, was sie in den letzten zwanzig Jahren geleistet haben. Man sollte das weiter fort entwickeln und vor allem die europäischen Erfahrungen nutzen.

Welche Probleme und Bedürfnisse gibt es in der polnischen Diakonie?

In den Pfarrgemeinden gibt es Diakoniestationen und Reha-Stationen. Man sollte die Hilfe noch weiter in Richtung systematischer Hauskrankenpflege ausbauen. Auf der anderen Seite muss der Staat ein derartiges System ausbauen; aus diesem Grunde ist hier auch eine Zusammenarbeit erforderlich. In Zukunft wird eine der größten Herausforderungen die Hilfe für alte, kranke, behinderte und sozial schwache Menschen zu Hause sein. Mit Ihren Diakoniestationen können Sie in der polnischen Diakonie mithelfen, das zu bewältigen. Die nächste Herausforderung wird der Bau von Häusern für alte Menschen, der Ausbau der ambulanten Leistungen für diesen Personenkreis und die Hilfe für benachteiligte Jugendliche sein.

Die wichtigsten sozialen Probleme im gegenwärtigen Europa sind die Alterung der Gesellschaft, Arbeitslosigkeit, Immigration und die Integration mit Einwanderern. Wie sieht das Konzept für die diakonische Arbeit in ganz Europa in den nächsten Jahren aus?

Die Diakonie hat immer das getan, was die anderen nicht getan haben. Sie stand immer auf der Seite der Armen und Hilfsbedürftigen. Und das soll auch weiterhin so sein. Die Diakonie soll Stimme derer sein, die nicht selber sagen können, was sie benötigen.

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Pf. Klaus-Dieter Kottnik (geb. 1952) – deutscher evangelischer Theologe. Er war Vorsitzender der Diakonie Stetten und eine Zeit lang des Evangelischen Diakoniewerks Schwäbisch Hall, außerdem des Bundesverbandes evangelische Behindertenhilfe. Er war Präsident des Diakonischen Werks der EKD und Vizepräsident von Eurodiaconia. Gegenwärtig ist er Berater der Polnischen Diakonie.

(diakonia.org.pl, November 2012)

 

Auf dem Foto: Pf. Klaus-Dieter Kottnik (Foto: Michał Karski)